Mittwoch, 26. Februar 2025

Kritik "The Crown"

 

 
 

The Crown (Staffel 4, Episoden 1-10), gesehen im November 2020


WARNUNG und DISCLAIMER: Was im Folgenden veröffentlicht wird, stellt ausschließlich meine persönliche Meinung dar. Außerdem enthalten alle meine hier veröffentlichten Kritiken massive SPOILER!


Was bin ich froh, dass die Dreharbeiten zu dieser Staffel bereits vor der Corona-Krise bis auf wenige Kleinigkeiten beendet waren. Halleluja! Wieder wird in zehn Episoden gezeigt, was sich in der britischen Königsfamilie – diesmal zumeist in der Zeit zwischen Anfang 1979 und Weihnachten 1989 - so alles getan hat. Der vorgegebene Zeitrahmen macht klar, dass der Fokus recht eindeutig auf dem medialen Star dieser Ära, der Princess of Wales, frühere Lady Diana Spencer, liegen dürfte. Dementsprechend sind etliche Episoden dem (Alp-)Traumpaar Diana und Charles gewidmet. Das wiederum bedingt, dass viele andere Figuren auf Nebenschauplätze gedrängt werden, was in erster Linie Princess Margaret, als auch den Duke of Edinburgh und die Queenmother trifft. Das ist ein wenig schade, insbesondere weil ich die Stories, die Peter Morgan (Autor) rund um Philip DoE geschrieben hat, immer mit die besten fand. Sie mögen historisch zwar mitunter einige Tatsachen verdrehen oder diese übermäßig dramatisieren, doch es wird darin stets recht tief geschürft, meist sogar tiefer als bei den anderen dargestellten Personen. Das hat mir immer gut gefallen.


Nochmals zur Erinnerung: diese Serie erhebt keinen Anspruch auf historische Korrektheit. Es ist eine Drama-Serie und das bedingt, dass alle gezeigten Dinge um des dramatischen Effekts willen teils erheblich von den wahren Begebenheiten abweichen. Dennoch gibt man sich große Mühe, möglichst authentisch zu bleiben. Das ist in Staffel vier nicht anders als in den drei Staffeln zuvor auch schon. Wenn man nicht bereit ist, die gelegentlichen Ausflüge des Autoren ins Reich der Märchen und Mythen zu tolerieren, sollte man es sich besser nicht ansehen. Ich werde nicht müde, das immer mal wieder explizit zu erwähnen. Ich habe auch wenig Verständnis dafür, dass gewisse britische Zeitungen, vor allem die aus dem eher konservativen Spektrum, nun lauthals plärren „The Crown 4“ geriete zu einem einzigen Tory-Bashing. Wtf? Nicht deren Ernst, oder?


So, wer ist denn neu in die Darsteller-Riege aufgenommen? Natürlich Emma Corrin als Diana. Fantastische Wahl, insbesondere für Diana in ihren Jugendjahren. Sie stellt die unglückliche Prinzessin im Alter von sechzehn Jahren bis Ende zwanzig dar. Dann hätten wir Gillian Anderson als Eiserne Lady Margaret Thatcher. Hier müssen Kostüm, Frisur und Makeup einiges zur Darstellung dazu tun, außerdem ein Vocal-Coach, der die Schauspielerin dazu bringt, mit deren leicht heiserer Stimme zu sprechen. Prinzipiell fügt sich das alles recht stimmig zusammen, doch Anderson ist einfach zu dünn, auch im Gesicht, um Mrs. Thatcher völlig glaubwürdig zu verkörpern. Dazu kommt, dass ihr immerzu geneigter Kopf und die eingezogenen Schultern nicht recht zum sprichwörtlichen Rückgrat der früheren britischen Premierministerin passen. Es kommt hier zu einem Fall von over-acting, alles in allem ist es einfach zu dick aufgetragen. Es bewegt sich gelegentlich hin zur Parodie, zur Karikatur. Neu im Boot sind auch Angus Imrie als Prince Edward und Tom Byrne als Prince Andrew. Dazu gesellt sich noch Tom Brooke als Michael Fagan. Als Sarah Ferguson ist kurz Jessica Aquilina zu sehen und Claire Foy kehrt für eine kurze Szene als junge Princess Elizabeth zurück. Hinzu kommen noch einige andere unbedeutendere Rollen. Der restliche Cast bleibt wie in Staffel drei.


Je näher wir an unsere Zeit heranrücken, umso schwerer wird es für „The Crown“ authentisch zu arbeiten. An Diana werden sehr, sehr viele von uns noch gute Erinnerungen haben, also muss man ihre Darstellung extrem fein ausarbeiten. Das darf hier als recht gelungen betrachtet werden. Vor allem das Zeigen der Essstörungen fordert viel Fingerspitzengefühl, was in vorliegendem Fall attestiert werden kann.

Auch in dieser Staffel wechselt die Regie immer mal wieder, wie bei dieser Serie üblich.


Was fehlt: leider so einiges. Ich komme nach wie vor nicht darüber hinweg, dass Morgan nicht auf die Hochzeit von Princess Anne und vor allem auf ihre von ihr selbst vereitelte Entführung 1974 eingeht. Besonders der letzte Vorfall zeigt nämlich, aus welchem Holz die Princess Royal geschnitzt ist und weswegen sie das erklärte Lieblingskind des Duke of Edinburgh ist (siehe auch Episode 4.4 „Lieblinge“). Ich hatte gehofft, dass man diese Ereignisse eventuell im Rückblick-Modus in diese Staffel mitaufnimmt, doch diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Weiterhin fehlt in Staffel vier das versuchte Attentat auf die Queen bei „Trooping the Colour“ 1981. Zwar wird die Parade an sich ein paar Mal kurz gezeigt, doch kein Hinweis auf die Schüsse, die damals fielen. Es wird überdies keine einzige Taufe in die Serie aufgenommen, nicht einmal die von Prince William, der ja immerhin ein künftiger Monarch sein wird. Weitere signifikante Momente, die schmerzlich vermisst werden, sind u.a. der Tanz von Diana bei einem Dinner im White House mit John Travolta im legendären mitternachtsblauen Samtkleid von Victor Edelstein oder das Auftreten des Paares Charles und Diana vor dem Lindo Wing (Geburtsstation) des St. Mary‘s Krankenhauses mit einem (gern auch beiden) der neugeborenen Söhne. Das waren doch Bilder, die sich ins Gedächtnis eingebrannt haben, Momente von Wichtigkeit oder einer gewissen Aussagekraft, die unabdingbar diesem unglückseligen Paar zuzuordnen sind. Es ist schade, dass uns diese Rückblicke hier nicht vergönnt waren. Was ich auch gern einmal sehen würde, ist die Schwimmhalle im Buckingham Palace. Immerhin bekommt man die Pools von Les Jolies Eaux (Mustique, Margarets Domizil) und Highgrove House (Landsitz des Prince of Wales in Gloucestershire) gezeigt, wenn auch nur die erfundene Version derselbigen.


Schwer zu verstehen ist auch, weswegen sehr oft die Queen, die Queenmother, Princess Margaret und Princess Anne gemeinsam bei Mahlzeiten an einem Tisch gezeigt werden. Sie lebten alle in verschiedenen Palästen bzw. Landhäusern, Anne sogar viele Meilen von London entfernt in Gatcombe Park, Gloucestershire. Margaret war weit öfter in ihrem Feriendomizil auf der Karibik-Insel Mustique zu finden und die Queenmum hatte sich in Clarence House eingerichtet. Sie pendelte außerdem gern zu ihren schottischen Besitztümern Castle of Mey und Birkhall, vor allem im Sommer. Dass die vier regelmäßig miteinander speisten, halte ich für höchst unwahrscheinlich.


Doch nun zu den Episoden. Mein erklärter Lieblingsteil diesmal hat übrigens einmal mehr mit dem DoE zu tun, mit einem seiner bedeutenderen Auftritte in dieser Staffel – Episode 4.10 “Krieg“. Peter Morgan zeichnet seine Charaktere für Staffel vier noch konturierter, es gibt fast nur noch schwarz oder weiß und kaum noch Abstufungen dazwischen. Und genau dahin führt der Pfad stetig bis 4.10 hin – sie (hier vor allem die Royals natürlich) sehen sich selbst alle als isolierte Einzelpersonen, mit so viel eigenen Macken behaftet, dass es für jeden und jede unter ihnen schwer scheint, sich in eine Gemeinschaft einzufügen. Es gelingt diesen Personen nur, sich in den meisten Fällen der Queen unterzuordnen, dem System der Monarchie, doch damit hat es sich dann auch schon. Besagte Szene in 4.10 des DoE schürft erneut tiefer, was in dieser Staffel ansonsten eher selten passiert.


Was passiert so alles? Lord Mountbatten wird von der IRA ermordet (4.1 „Gold Stick“), Margaret Thatcher wird die erste weibliche Premierministerin und muss u.a. den Balmoral Test bestehen, bei dem sie kläglich scheitert (4.2 „Der Balmoral Test“), Charles und Diana werden ein Paar und zur Heirat gedrängt (4.3 „Märchen“), der Falkland-Krieg bricht aus, die Queen wird im Sommer 1982 in ihrem Schlafzimmer vom aufs soziale Abstellgleis geratenen Michael Fagan „besucht“ (4.5 „Fagan“), die Kinder der Queen haben Probleme, die die eigenen Eltern nur selten mitbekommen, was übrigens keine uninteressanten Episode (4.4 „Lieblinge“) ist, denn hier erhalten wir eben Einblicke in die Eigenheiten von Charles, Anne, Andrew und Edward, inklusive des wenig verdeckten Hinweises darauf, dass Andrew auf ziemlich junge Damen steht. Vielleicht wird dieses Thema in den nächsten Staffeln näher beleuchtet, wer weiß. Dann werden Cousinen der Queen in einem Heim für Geisteskranke entdeckt – und ja, das ist soweit korrekt (4.7 „Die Erblinie“). Darüber hinaus geht es um den Völkerbund Commonwealth of Nations, von dem Thatcher nicht begeistert war (4.8 „48 zu 1“) und um das Lawinenunglück bei Klosters, das Prince Charles im Jahr 1988 nur knapp überlebte (4.9. „Lawine“). Die Ehe der Wales‘ driftet auseinander (4.6 „Terra Nullius“, sowie in etlichen sonstigen Teilen immer wieder thematisiert) und Diana entwickelt bereits früh eine Essstörung (Bulimia nervosa). Die bulimischen Szenen werden zwar klar gezeigt, doch es gelingt sowohl Regie als auch Diana-Darstellerin Emma Corrin, dies mit einem gewissen Feingefühl einzufangen, wie zu Anfang dieses Textes bereits erwähnt. Und einmal dürfen wir sogar zusehen wie die Queen auf dem Klo hockt… filmisch geschickt eingefangen durch einen Blick in den Spiegel, was es nicht allzu offensichtlich macht.


Die Achtziger schlagen voll in Frisuren, Kostüm und sonstiger Ausstattung zu Buche. Auch ist diesmal die Perücke, die Olivia Colman als Queen trägt, um einiges besser ausgefallen, als das Vorgängermodell aus Staffel drei. Hat da vielleicht jemand meine diesbezügliche Anmerkung gelesen? Ein paar mehr Broschen hätten es außerdem sein dürfen, die Queen sieht man selten ohne, hier hingegen sieht man sie fast immer ohne Brosche. Schade. Die Perücken Dianas (für Emma Corrin) sind ebenfalls exquisit und sehr authentisch. Gerade ihre Frisur zu Anfang ist wie aus dem Lehrbuch geraten. Nur bei dem charakteristischen Haupthaar von Mrs. Thatcher habe ich leichte Kritik anzumelden. Ich finde, dass sie im Original durchaus immer mal eine Art Scheitel angedeutet hatte, doch davon sehe ich bei der von Gillian Anderson getragenen Perücke leider nichts.


Und jetzt kommen wir zu meinem Lieblingssatz aus dieser Staffel. Dieser fällt – oh Wunder - von einer gänzlich unbekannten, überhaupt nicht im Bild befindlichen Person.


Willkommen im Ménage-à-trois, Ma‘am.“ (Doorman des Lokals diesen Namens zu Diana Spencer, die sich nach ihrer Verlobung mit Charles zum Lunch mit Camilla Parker-Bowles trifft, Episode 4.3 „Märchen“)


Ein Fehler ist mir abermals in der deutschen Übersetzung der Dialoge aufgefallen, da ein Radiosprecher in Australien anlässlich der Tour der Wales‘ „das Königspaar“ sagt, was natürlich richtig entweder „das prinzliche Paar“ ggfs. auch „das königliche Paar“ (was wahrscheinlich hier gemeint ist) lauten müsste. Und nochmals (wie schon zu Staffel drei erwähnt): es besteht keinerlei Notwendigkeit in der deutschen Synchronisation den Pluralis Majestatis anzuwenden, wenn Personen mit den Royals sprechen. Das ist völliger Quatsch heutzutage! Es ist völlig ausreichend und korrekt zu sagen „Ich bin geehrt, Sie kennenzulernen, Sir“ anstelle von „Ich bin geehrt, Euch kennenzulernen, Sir“, oder dergleichen. Wer auch immer in der deutschen Dialogregie ein Fan davon ist – es ist absolut nicht mehr üblich!

Fazit: Ich kann der vierten Staffel sogar noch ein bisschen mehr abgewinnen als der dritten. Die Stories sind erstklassig geschrieben und werden mit sehr viel Liebe zum Detail gefilmt. Die Leistungen der Darsteller*innen sind überwiegend grandios, mit kleinen Ausnahmen, so z.B. bereits bezüglich Mrs. Thatcher erwähnt. In dieser Staffel kann insbesondere Josh O‘Connor als verschrobener Prince Charles glänzen und Emma Corrin gelingt eine sehenswerte Darstellung Dianas, die den großen Vorteil hat, dass sie eben nicht ins Groteske oder ins Unglaubwürdige oder ins Überzeichnete abgleitet, was der Drahtseilakt schlechthin dabei gewesen sein dürfte. Die Serie ist handwerklich auf höchstem Niveau gestaltet, sie hat einen fantastischen Autor, der es versteht, geschliffene Dialoge zu schreiben und diese mit Feinsinnigkeit auszuformulieren, und sie verfügt zumeist über die richtigen Darsteller für die Personen, die es ja wirklich gibt/gab.
Das alles kommt nahe an Perfektion. Meine Wertung ist daher auch diesmal hoch angesetzt und erreicht – wie sollte es auch anders sein – viereinhalb aus fünf Sternen. Well done!

Wertung: 4,5/5… #thecrown #netflix #thequeen #staffelvier #diana #thatcher


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